_DSC3500

Der Teufel frisst Fliegen und ich panisch Magnesiumpulver, in der idiotischen Hoffnung, das würde dem drohenden Infarkt entgegen wirken, den ich ohne Zweifel jeden Augenblick erleide. Schuld ist ein Haarwuchsmittel, oder besser ein bestimmter Inhaltsstoff, auf den mein Körper mit heftigen Herzrythmusstörungen reagiert. Die Groteske der Situation führt zu einem jammernden Lachen, jahrelang ohne zu zögern sämtliche Scheiße gefressen, die auch nur den Anschein einer Droge hatte und dann killt dich ein verdammter Kosmetikartikel. Dabei wollte ich doch nochmal Sommer.


_DSC7709

„Wat?“, frage ich, und weiß nicht ob mir die Eloquenz durch das THC oder die schieren Gedankengänge Rudis abhanden gekommen ist. „Scheiße ja, sieh dir doch nur mal die Parallelen an. Er verspricht seinen Leuten das Heilige Land, das nordöstlich von Ägypten gelegene Israel. In Sodom und Gomorra vernichtet er die gesamte Bevölkerung, weil die eine andere Auffassung von Kultur und Sexualität haben als er. Er nimmt es billigend in Kauf sein Volk bei der Sinnflut zu ersäufen, weil die sich als zu schwach erwiesen und es damit sowieso nicht verdient haben zu leben. Wir haben Satan, der erfolglos einen Anschlag auf dieses Terrorregime ausführt, in der Hoffnung es zu beenden. Die Christen halten sich für die auserwählte Rasse, und er hasst die Juden, weil sie seinen Sohn getötet haben. Und dann endet alles in der Apokalypse. Gott ist wie Hitler.“
Ich fange an zu krampfen und frage mich ob ich gerade einen Schlaganfall erleide, während Rudi sich zurücklehnt und zufrieden ein neues Bier öffnet. „Wir sollten überlegen die Scheiße an den History-Channel zu verscheuern …“


DSC_0015-2b

Vielleicht weil sie lauter ist, dich mit kurzspieligen und sich immer wiederholenden Abenteuern von der dumpfen aber nicht negierbaren Ahnung ablenkt, dass auch weiterhin nichts von Belang in deinem Leben passiert. Wie immer hat das aktuelle Befinden Priorität und die Erinnerung wirft grinsend mit Häppchen um sich, die dir vom großen Ganzen nur den Schatten lassen, der dir gerade am besten passt. Bessere Zeiten. Die werden schon kommen. Die kamen doch immer.


_DSC8989

Nur eine weitere verdammte Lüge. Keine Riesenräder und keine Zuckerwatte, keine Maskottchen, die in schrillen Kostümen bei Kleinkindern traumatische Erinnerungen festigen. Aber Oma war glücklich. Dass ihre Enkel mal was sinnvolles mit ihr unternahmen.


Scan-1201

Ein technisch hochgezüchtetes Stahlgerippe mit Turbolader, mehr Mikrochips an Bord als Corgis im Hofstaat Queen Elizabeths und einer solchen Unmenge von Schaltern, Knöpfen und Wippen, dass für das völlige Verständnis Harald Lesch fest auf dem Rücksitz installiert sein müsste, um dir das Zusammenspiel der einzelnen Funktionen auf Ebene der Quantenmechanik detailliert erläutern zu können. Vielleicht ist er das auch, aber ich finde den Schalter nicht um ihn zu aktivieren.


_DSC8822

Anfang Januar und wir warten immer noch auf Dezember. Könnte Frühling sein. Könnte Herbst sein. Könnte mir alles scheißegal sein. Die Bombe in meinem Magen ist schon länger geplatzt und der Industriedreck, der normalerweise für die Reinigung von Teppichböden verwendet wird, flutet die Synapsen in meinem Schädel. Ich sinke in meinem Sessel ein. Es ist mir alles scheißegal. Rudi sitzt neben mir und fängt an zu gackern: „Die Pharaonen … die Pharaonen sitzen ohne Hirn im Jenseits.“


Es erinnert mich an meine Kindheit, die verstaubten Kassettendecks und den verschrobenen Pixelsounds meines C64. Tschernobyl hatte dafür gesorgt dass wir nicht mehr im Sandkasten spielen konnten, also was blieb schon anderes übrig. Die Natur war unser Feind. Wir waren wahrscheinlich die einzige Generation, die von ihren Eltern ermutigt wurde kein Gemüse zu essen und vor der Glotze zu sitzen.


_DSC8523

Zuerst dachte ich, er erstickt. Er röchelte wie am Spieß, seine Augen verdrehten sich und sein Gesicht schnitt Grimassen, bei denen Clowns durchgedreht wären, während er sein Sandwich stückchenweise über den Tisch verteilte. Aber er erstickte nicht. Er lachte. Er lachte mich aus.


Lass sie alle liberal und weltoffen sein, wie sie wollen. Mit dem fairen Handel, damit Kaffeebauern aus Kolumbien 5 Cent mehr verdienen, lass sie spenden für das kleine Waisenbaby in Afrika, an das sie nach den Feiertagen nie wieder denken werden, lass sie sich aufregen über Kinderarbeit in Indien, und ihre Jeans weiter billig bei H&M kaufen, lass sie den Kopf schütteln wenn ein Schwarzer in der Bahn von besoffenen Fußballfans angepöbelt wird, und den Atem anhalten wenn er sich neben sie setzt. Sie können die Fassade solange polieren wie sie wollen, tief in ihrem Schädel war es doch immer dasselbe. Wenn sich ein Deutscher eine Heile Welt vorstellt, kommen da selten Türken drin vor.


SCAN0012

Ich befasse mich mit der Problematik, dass meine Augenbrauen anscheinend auf Individualität scheißen. Was immer die eine macht, die andere folgt. Dabei ist es egal, wer führt. Ich überlege eine festzukleben. Unterdessen steht der Gerichtsvollzieher im Flur und betet seine übliche Litanei runter und wie leid es ihm tut. „Ne, ne, ne, …“, sagt Rudi, „jeder nach seiner Façon.“ Erfolglos versuche ich eine Augenbraue zu heben und frage mich wo er das Wort aufgeschnappt hat. „Wenn ich kein Blut sehen und ich nicht drauf stehe Tiere zu erlegen, werd ich wohl kaum Metzger. Kannst du mir nicht erzählen. Mag sein, dass die Ausnahme die Regel bestätigt, aber die Frage bleibt doch folgende. Gibt es viele Bestatter, die nekrophil sind? Oder gibt es viele Nekrophile, die Bestatter sind.“


Katze-tot

Als ich Rudi das erste Mal begegne trägt er ein rosa Abendkleid mit Puffärmeln, einen Seitenscheitel sowie ein Hitlerbärtchen. Außerdem schleift er einen riesigen Stoffhasen hinter sich her. „Was sollen eigentlich die Aufmachung?“, frage ich. „Hilft ins Gespräch zu kommen.“ „Ok“, sage ich, „und wie genau?“ „Ja siehste doch. Du stehst im Aufzug, denkst an nichts böses und auf einmal labert dich irgend so ein Spacken blöd von der Seite an.“ „Hm“, sage ich, „funktioniert ja tatsächlich.“


mnstrtrck-2

Frankensteins Monster. Ein aus Ersatzteilen zusammengespachteltes Spaceship. Eine von Gott verdammte Höllenmaschine. Eine Kreatur aus geschmolzenem und vernietetem Stahl. Ein Leichen fressender Irrsinn. Ein Skelette zermalmender Gigant. Fury.


Der Winter begrüßt mich unterdessen auf die selbe Art, wie er dies jedes Jahr zu tun pflegt. Er erinnert mich an die Schwerkraft. Nach drei Brüchen allein im rechten Unterarm weiß mich auch das nicht mehr wirklich zu beeindrucken.


„Du Scheiß Pyromane!“ „Was heißten hier Scheiß Pyromane? Soweit ich weiß hast du damals den Esstisch deiner Eltern abgefackelt. Im Esszimmer.“ „Das zählt nicht. Es war ein bedauernswerter Unfall, eine nicht einkalkulierte Reaktion des Spiritus auf der verdammten Tischverzierung.“ „Und als du deinen Schlafanzug in Brand gesteckt und in Flammen gehüllt schreiend durch den Flur gerannt bist?“ „Ja, das war lustig.“


Meine Oberschenkel explodieren, während ich im Steilhang verende, und die übrig gebliebene breiige Masse meiner Zehen lässt sich bestenfalls noch als solche erahnen. Alles was bleibt ist die Erwartung auf die Psyche, welche dir den Rest gibt. Selbstmitleid tritt in mein Bewusstsein und vergeht im selben Moment, in dem mir klar wird, dass keine Hilfe kommt, dass es keinen Weg zurück sondern nur den talwärts gibt. Also nimmt eine tiefe Frustration seinen Platz ein, reicht bis in den hintersten Winkel meines Verstandes und schlägt sich ihren Weg mit blinder Aggression an die Oberfläche. Ich hätte achtjährige Mädchen mit Kulleraugen und pastellfarbenen Skianzügen von Klippen schmeißen können. Und ich hätte gelacht. Wäre ich an sie herangekommen und nicht alle zwei Meter umgekippt.