Scan12

Und sie sagt mach dir keine Gedanken wegen morgen und ich frage wieso und sie sagt es gibt kein morgen. Das gab es noch nie.




Er hat ihn sich von seiner Mutter als eine Art Ablenkungsmanöver geliehen, Dörte, Baujahr 44 und der verdammte Wagen muss mindestens so alt sein wie sie selbst. Der Kofferraum des rostenden T-Modells ist vollgestopft mit schwerem Werkzeug, außerdem zwei Kanistern Benzin, Atemschutzmasken, einer schweren Axt und einem funktionstüchtigen englischen Langbogen inklusive Pfeilen. Etwa 5 Gramm Gras, Valium sowie das Bier sind obligatorisch und um weitere Klischees zu erfüllen spielt das Kassettendeck ‘The Clash’. Es wäre falsch zu sagen, dass wir Böses vor hätten. Wir haben bloß nichts besseres zu tun.




Er meinte, der gesamte Landstrich würde aussehen wie ein verfickter Vergnügungspark. Wir sollten einen Zaun aufstellen und Eintritt für die ganze Chose verlangen. Sogar Maskottchen gäbe es schon zur Genüge. Haufenweise Freaks, die durch das Raster der Urbanisierung gefallen sind, zu durchgeknallt für eine Zivilisation, die auf engem Raum zusammengepfercht wird. Alles würde bunt sein, alles blinken, alles gut riechen. Ich nickte und hatte immer noch den Geschmack von Scheiße zwischen meinen Zähnen, aber der Gedanke an Zuckerwatte gefiel mir.




Hatte ich mich auf Tee und Kekse gefreut, hält meine Mutter nun einen Monolog und jammert mir erneut ihre finanzielle Not vor, während draußen der neue SL steht und sie gerade eine Charge Traubensaft für 5 Euro die Flasche bestellt hat. Dank jahrelanger Erfahrung in diesem Spiel enthalte ich mich jeden Kommentars, welcher nur in eine Diskussion führen würde, an deren Ende mir zum wiederholten Mal klar gemacht wird, dass ich das nutzloseste ihrer Kinder bin.




Klar haben wir überreagiert. Aber das spielt keine Rolle mehr. Ab jetzt ist es für beide Seiten persönlich. Der Alte jagt uns mit seinem Mercedes ML quer durch den Wald, wir fliegen mit 70 Sachen durch metertiefe Schlaglöcher. Falls du dich jemals gefragt hast, was dich dazu bringt auf deinen Wagen zu scheißen – es ist ein angepisster Jäger mit Schußwaffe im Nacken. Und vielleicht die Grasparanoia. Es galt Geraden zu vermeiden und fehlenden Hubraum durch Wahnsinn zu ersetzen. Schließlich war er einfach weg. Nicht sicher ob wir ihn abgehängt oder ihm einen Herzinfarkt beschert haben.




Vor zwanzig Jahren sind wir im Steilhang hinter dem Haus herumgekrochen und haben uns einen Scheiß um den fluchenden Hausbesitzer gekümmert, der wollte, dass wir uns von seinem Grundstück verpissen. Wir machten uns lustig, lachten ihn aus. Rollten Felsbrocken hinunter und warfen mit Steinen. Daraufhin nahm er uns mit einem Luftgewehr unter Beschuss. Der Bastard.




Es hört sich wie ein Stock, der unter die Räder kommt. Kein wirklicher Widerstand. Nur dieses Geräusch, welches sich in den Gehörgang ätzt. Ein verdammter Fuchs, der mir in schierer Panik bei noch 70 Sachen unter den Wagen gesprungen ist. Zwei Kilometer später drehe ich um. Er sitzt in der Kurve. Blickt mir in den Scheinwerfer. Bewegt sich nicht. Keinen Sinn anzunehmen, dass er heil rausgekommen ist. Schiebe einen leichten Anfall von Panik. Wäre begrüßenswert hätte er den Scheiß nicht überlebt. Kein Ärger. Kein schlechtes Gewissen. Sowas kommt vor. Er blickt mich immer noch an. Als ich drehe versuche ich nicht erneut über ihn zu fahren. Lasse ihn zurück. Fühle mich so. Nach zwei Kilometern drehe ich. Überlege ihn erneut zu überfahren. Die Warnblinker lassen sich schon aus einiger Entfernung erkennen. Als ich näher komme sehe ich ein heulendes Mädchen. Ich weiß was passiert ist, aber ich frage trotzdem ob alles ok ist. Sie hat einen Fuchs überfahren. Mitten auf der Straße hat er gesessen. Und es tut ihr so schrecklich leid. Ist schon ok, meine ich. Sowas kommt vor.




Die ersten Stromschnellen lösen Panik aus, blinder Reaktionismus ist die Folge. Wir versuchen uns so zu verhalten, wie wir uns seit jeher verhalten haben. Aber übersehen dabei die Tatsache, dass sich der Untergrund verändert hat. Kein Wunder, dass wir dabei fast ersoffen sind.




Die Spannung in der Luft wird dank der Line Speed und dem Sixpack nur noch intensiver wahrgenommen. Wie Schamanen tanzen wir über den Asphalt, während die Nacht von Blitzen durchzuckt wird und wir den Donner in unseren Herzen spüren. Es scheint wie das Aufbäumen eines verendenden Tieres, ein Leuchtfeuer, das noch einmal die verblassende Existenz wach ruft an vergangene Monate, die jetzt bald so fern sein werden. Wir nehmen mit was geht. Ein letztes Mal.




In der Grundschule versuchten wir Enten mittels Spülmittel zu versenken. Auf Anraten unseres Sachkundelehrers. Hat nicht wirklich funktioniert. Wir fühlten uns verraten, enttäuscht und getäuscht vom Lehrkörper, dem wir in diesen jungen Jahren noch soviel Vertrauen entgegen brachten. Zu unserer Überraschung fanden wir allerdings heraus, dass eine nicht unerhebliche Menge Schwarzpulver beträchtliche Auswirkungen im elterlichen Fischteich erzielt. Was in dem Plan gipfelte, die verhasste Katze mithilfe eines Wäschekorbs unterhalb der Wasserlinie zu bringen und in unmittelbarer Reichweite Sprengkörper zu zünden. Das plötzliche Auftreten der Eltern beendete diesen allerdings schnell und sehr effizient. In einsamen Nächten spüre ich die Schläge heute noch.




Ein Joker, ein Button zum Drücken wenn nichts mehr geht, der alles auf Restart haut und dir mal wieder neuen Boden unter den Füßen beschert während der alte noch am Bröckeln ist. Das Problem dabei – das funktioniert nicht immer. Und eigentlich nie.





Die letzten Tage für Sandalenträger brechen an. Keine Zeit mehr sich mit Geplänkel aufzuhalten. Hornhaut wird von Füßen abgeschabt und als Parmesan auf Pasta gekippt. Von den Zehen wird das Fleisch gesaugt und einer sexuellen Obsession freier Lauf gelassen, deren Ergebnis, um Stereotypen zu bedienen, an eine Gruppe durchgeknallter Asiaten verscheuert wird. Der Schwachsinn hat Programm. Aber keinen Sinn. Was im Endeffekt auch keine Rolle spielt. Solange nur das Gefühl stimmt.




Ausreichender Raum für die Installation einer Grasplantage. Muss nur bis zum Herbst reichen. Billige Mieten, kein Wunder, die Gebäude verschimmeln sowieso. Einzelhändler um Einzelhändler gibt sich die Kugel. Wie eine Seuche die durch die Kleinstadt streift und alles infiziert und zugrunde richtet. Irgendwann wird etwas Neues entstehen, etwas Sinnvolles aus diesem Trümmerwachsen wachsen. Aber nicht heute. Und auch nicht morgen.





Alte Frauen drücken dir ihre Brüste in den Nacken und eine schlechte Kopie der Wildecker Herzbuben spielt “Westerland” in einer Dauerschleife. Klebrige Biergarnituren mit übervollen Aschenbechern werden von Kötern bewacht, deren Herrchen und Frauchen sich an der Bar mit Asbach Cola die Kante geben und die Dorfmatratze auf der “Tanzfläche” dabei beobachten, wie sie ihre Titten schwingt. Alkohol scheint eine Rettung zu sein oder doch wenigstens der Versuch, alles auf ein erträgliches Level zu zu bewegen. Während du lallend am Boden liegst, dass eigene Erbrochene aus der Nase triefend und dir von oben nur ein dämliches Grinsen entgegen kommt, wünschst du dir wie üblich alles ungeschehen zu machen. Die Schuld an dem ganzen Übel bleibt unterdessen an dir kleben. Was zur Hölle machst du auch hier.





Während Vegetarier auf der gleichen Schiene laufen wie die Bekloppten, die Wurzelextrakte aus dem Amazonas süffeln und dem Glauben anhängen, wir könnten ewig leben, wenn wir uns nur nicht der Natur und ihren Heilmitteln verschließen würden. Nicht erwähnenswert, dass Indios in der Regel trotz der ganzen Scheiße mit 40 krepieren. Als ob die Natur in Wahrheit nicht völlig gleichgültig gegenüber fressen und gefressen werden wäre. Mitgefühl? Nur romantischer Bullshit. Industrialisierung. Ok. Ist ein Kritikpunkt. Massentierhaltung, die Behandlung der Tiere in diesem Kontext. Die einzige ehrliche Konsequenz würde darin bestehen selbst zu schlachten. Dann wäre vielleicht ein Hahn weniger gestorben.